Kultur als Kraft der Veränderung
Zwei Beispiele aus meiner Zusammenarbeit mit Don Bosco: Beethoven Moves! & Chemnitz Moves!
Die beiden Projekte Beethoven Moves! in Medellín (Kolumbien) und Chemnitz Moves! im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 gehören für mich zu den prägendsten Erfahrungen meiner Arbeit als Kulturproduzentin. Sie stehen beispielhaft für meine langjährige Zusammenarbeit mit Don Bosco.
Im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen junge Menschen, die unter schwierigen sozialen Bedingungen aufwachsen oder mit besonderen Herausforderungen leben. Ich entwickle für Don Bosco künstlerische Projekte, die ihnen neue Perspektiven eröffnen und ihre Talente sichtbar machen. Mein Anliegen ist es, professionelle Kunst mit sozialer Verantwortung zu verbinden und Räume zu schaffen, in denen junge Menschen Selbstvertrauen, Selbstbestimmtheit und die Erfahrung entwickeln können, dass ihre Stimme zählt und ihre Kreativität Bedeutung hat.
Diese Projekte haben meine Überzeugung bestätigt, dass Kunst weit mehr ist als ästhetischer Ausdruck. Sie eröffnet Räume, in denen Menschen sich selbst und anderen neu begegnen können. Sie schafft Vertrauen, ermöglicht Teilhabe und gibt insbesondere jungen Menschen die Möglichkeit, ihre eigene Geschichte sichtbar und hörbar werden zu lassen.
Beethoven Moves! – Beethoven als Inspiration
Beethoven Moves! entstand aus der Idee, Ludwig van Beethovens Fünfte Sinfonie mit der Lebenswirklichkeit junger Menschen in Deutschland und Kolumbien in einen Dialog zu bringen.
Gemeinsam mit Jugendlichen aus Medellín und Bonn entwickelten wir eine Produktion, in der klassische Musik, Breakdance, Hip-Hop, Rap, Schauspiel und persönliche Geschichten zu einer gemeinsamen Erzählung wurden. Die Jugendlichen aus Medellín waren ehemalige Kindersoldaten sowie junge Menschen aus den Armutsvierteln der Stadt, die durch Don Bosco neue Lebensperspektiven gefunden hatten. Die Lebensgeschichten der ehemaligen Kindersoldaten verliehen dem Projekt eine besondere Tiefe, prägten es nachhaltig und machten eindrucksvoll sichtbar, welche Kraft in der Verbindung von Kunst und persönlicher Lebensgeschichte liegt: Sie schafft Räume für Verarbeitung, stärkt Selbstwirksamkeit und eröffnet neue Perspektiven.
Die Zusammenarbeit mit GMD Dirk Kaftan und dem Beethoven Orchester Bonn war dabei weit mehr als eine musikalische Partnerschaft. Von Beginn an entstand ein kreativer Dialog zwischen professionellen Musikerinnen und Musikern und den Jugendlichen. Beethoven wurde nicht interpretiert, sondern neu erlebt – als Komponist, dessen Musik von Mut, Widerstand, Hoffnung und der Kraft erzählt, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen.
Die Regie führte Anselm Dalferth, dessen langjährige Erfahrung im Musiktheater und in interdisziplinären Produktionen den kreativen Prozess entscheidend prägte. Mit großer Sensibilität verband er die musikalische Kraft von Beethovens Werk mit den persönlichen Geschichten der Jugendlichen und entwickelte daraus eine eindrucksvolle szenische Sprache und beeindruckende Aufführung.
Für viele der jungen Menschen wurde das Projekt zu einem Wendepunkt. Im gemeinsamen künstlerischen Arbeiten entwickelten sie Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und den Mut, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Musik wurde zur gemeinsamen Sprache - unabhängig von Herkunft, sozialem Hintergrund oder persönlichen Erfahrungen.
Die nachhaltige Wirkung des Projekts zeigte sich weit über die Aufführungen hinaus. In Medellín hat sich Beethoven Moves! dauerhaft etabliert: Inzwischen nehmen dort rund 500 Kinder und Jugendliche an den Programmen teil und finden durch Musik, Tanz und künstlerischen Ausdruck neue Möglichkeiten, ihre Talente zu entfalten, Gemeinschaft zu erleben und Zukunftsperspektiven zu entwickeln.
Auch in Deutschland hinterließ das Projekt bleibende Spuren. Im LVR-Landesmuseum Bonn wurde der Entstehungsprozess in einer Ausstellung dokumentiert. Die Fotografien von Judith Döker, Filme und persönliche Zeugnisse machten sichtbar, wie künstlerische Arbeit Identität stärken, Begegnungen ermöglichen und gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern kann. Dass Beethoven Moves! seinen Platz in einem Museum fand, unterstreicht den kulturellen und gesellschaftlichen Wert des Projekts und macht seine Wirkung über den Moment der Aufführungen hinaus nachhaltig erfahrbar.
Chemnitz Moves! – Die Frage nach dem Mensch sein
Mit Chemnitz Moves! konnte ich diesen künstlerischen Ansatz im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 weiterentwickeln. Gemeinsam mit Jugendlichen aus Einrichtungen von Don Bosco Sachsen entstand eine Musik-, Tanz- und Theaterproduktion, die sich mit einer der zentralen Fragen unserer Zeit auseinandersetzt: Was bedeutet Menschsein im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz?
An dem Projekt wirkten Jugendliche mit sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten mit, darunter auch körperlich und kognitiv beeinträchtigte junge Menschen. Gerade diese Vielfalt wurde zum Ausgangspunkt des künstlerischen Prozesses. Jeder und jede brachte eigene Erfahrungen, Fähigkeiten und Ausdrucksformen ein und wurde als Persönlichkeit sichtbar. Ausgehend vom Mythos des Pygmalion entstand eine Inszenierung, in der klassische Musik, zeitgenössische Kompositionen, Tanz, Schauspiel und die persönlichen Erfahrungen der Jugendlichen miteinander verbunden wurden.
Die Zusammenarbeit mit der Jungen Deutschen Philharmonie unter der musikalischen Leitung von Anna-Sophie Brüning eröffnete den Jugendlichen eine unmittelbare Begegnung mit einem Spitzenorchester. Zugleich entstand ein künstlerischer Austausch auf Augenhöhe, in dem professionelle Musikerinnen und Musiker und junge Menschen gemeinsam nach Ausdrucksformen für die Fragen unserer Gegenwart suchten.
Die Regie lag in den Händen von Anna Drescher, die den gemeinsamen künstlerischen Prozess mit großer Offenheit und dramaturgischer Klarheit begleitete. Gemeinsam mit den Jugendlichen entwickelte sie eine eigenständige Bild- und Theatersprache, in der persönliche Erfahrungen und gesellschaftliche Fragestellungen zu einer eindrucksvollen Inszenierung wurden. Tatjana Ivschina schuf mit Bühne und Kostüm den atmosphärischen Raum der Aufführung, während Sara Ezzell mit ihrer Choreografie den Bewegungen und Emotionen der Jugendlichen eine kraftvolle körperliche Ausdrucksform verlieh.Der künstlerische Prozess stärkte die Jugendlichen darin, ihre eigenen Fähigkeiten wahrzunehmen, Verantwortung zu übernehmen und sich als aktiven Teil unserer Gesellschaft zu erleben.
Meine künstlerische Haltung
Diese beiden Projekte sind nur zwei Beispiele meiner langjährigen Zusammenarbeit mit Don Bosco. Sie stehen stellvertretend für eine Arbeitsweise, die künstlerische Exzellenz mit gesellschaftlicher Verantwortung verbindet. Ich bin überzeugt, dass Kultur dort ihre größte Kraft entfaltet, wo sie Menschen miteinander verbindet. Kunst kann gesellschaftliche Entwicklungen nicht allein verändern. Sie kann jedoch Räume schaffen, in denen Begegnung möglich wird, Vorurteile überwunden werden und junge Menschen erfahren, dass ihre Gedanken, ihre Kreativität und ihre Erfahrungen wertvoll sind. Gerade Jugendliche, die Ausgrenzung, Armut, Gewalt oder körperliche Einschränkungen erlebt haben, gewinnen durch den kreativen Prozess Selbstvertrauen, Selbstbestimmtheit und die Zuversicht, ihr eigenes Leben aktiv gestalten zu können. Diese Entwicklung mitzuerleben, gehört für mich zu den wichtigsten Erfahrungen meiner Arbeit. Ich verstehe Kultur nicht als Selbstzweck, sondern als gesellschaftlichen Raum, in dem künstlerische Qualität, Teilhabe und Menschlichkeit untrennbar miteinander verbunden sind. Denn dort, wo Menschen gemeinsam Kunst schaffen, entsteht weit mehr als eine Aufführung: Es entstehen Vertrauen, Gemeinschaft und die Überzeugung, dass Veränderung möglich ist.