Neugier als Kompass
Ein Gespräch über Kultur, Begegnungen und die Kunst.


Roger Willemsen nannte Sie „Tschugge“. Wie kam es dazu?
Der Name entstand während einer gemeinsamen Wanderung auf den Schweizer Berg Tschugge. Irgendwann wurde aus dem Berg mein Spitzname. Für mich ist „Tschugge“ bis heute eine schöne Erinnerung an einen Menschen, dessen Neugier, Offenheit und Humor mich nachhaltig geprägt hat.

Was treibt Sie seit so vielen Jahren an?
Neugier. Sie war immer mein Kompass. Mich interessieren Menschen, ihre Geschichten und die Frage, wie Begegnungen gelingen können. Kultur hat für mich nie nur mit Veranstaltungen zu tun. Sie schafft Räume, in denen Menschen lachen, nachdenken, staunen oder sich plötzlich selbst ganz anders erleben.

Ihr Weg begann in der Brotfabrik Bonn. Was hat diese Zeit geprägt?
Die Brotfabrik war ein wunderbarer Ort, um Kultur von Grund auf zu lernen. Dort wurde ausprobiert, diskutiert und gestaltet. Ich habe verstanden, dass Kultur nur dann lebendig bleibt, wenn Menschen den Mut haben, neue Wege zu gehen. Das ist bis heute einer der wichtigsten Antriebe meiner Arbeit. Orte wie die damalige Brotfabrik inspirieren mich, weil sie zeigen, dass aus Ideen Wirklichkeit werden kann.

Sie gehören zu den Mitbegründerinnen des Pantheon und waren fast 20 Jahre geschäftsführende Gesellschafterin und künstlerische Leiterin.
Das Pantheon war ein Abenteuer. Wir hatten Ideen, Begeisterung und den festen Willen, einen Ort zu schaffen, an dem Kabarett, Comedy und Musik eine Heimat finden. Dass daraus eine der bedeutendsten Kabarettbühnen Deutschlands entstehen würde, konnte damals niemand ahnen. Diese Zeit hat mich wahrscheinlich am stärksten geprägt, weil ich Ideen entwickeln und sie im eigenen Haus gemeinsam mit meinem Team unmittelbar ausprobieren und umsetzen konnte. Genau das war ein großes Privileg.

Später folgten Stationen bei Studio Hamburg Produktionen und am Admiralspalast Berlin. Warum war dieser Wechsel wichtig?
Weil jede Station den Blick erweitert. Eine neue Umgebung, neue Herausforderungen und neue Ideen. Bei Studio Hamburg Produktionen habe ich gelernt, große Produktionen zu entwickeln und professionell umzusetzen. Gemeinsam haben wir die Stunksitzung als Fernsehformat entwickelt. Es war ein spannendes Projekt.
Der Admiralspalast Berlin war ein traditionsreicher Ort mit einer ganz eigenen Geschichte. Deshalb war es für mich folgerichtig, dort The Producers in Kooperation mit den Vereinigten Bühnen Wien umzusetzen. Dort wurde mir noch einmal bewusst, wie wichtig Qualität, Präzision und Teamarbeit sind.

Sie haben immer wieder neue Formate entwickelt, zum Beispiel „Die Vorleser“.
Mich hat schon immer interessiert, wie man Menschen mit Literatur und Sprache erreichen kann. Als wir „Die Vorleser“ entwickelten, waren literarische Bühnenformate noch eher die Ausnahme. Heute sind Poetry Slams und Lesebühnen selbstverständlich. Ich freue mich, wenn Ideen ihrer Zeit ein wenig voraus sind.

Mit dem Prix Pantheon, dem WDR Kabarettfest und heute mit „QuatschKeineOper!“ begleiten Sie seit Jahrzehnten die Musik-, Literatur-, Kabarett- und Comedyszene. Was fasziniert Sie an dieser Vielfalt der Genres?
Weil Kultur Menschen verbindet. Humor schafft Leichtigkeit und öffnet gleichzeitig den Blick auf gesellschaftliche Themen. All diese Formate haben eines gemeinsam: Sie verbinden Unterhaltung mit Haltung, Tiefgang mit neuen Perspektiven. Besonders freue ich mich, wenn Menschen durch meine Programme etwas entdecken, das sie vielleicht selbst nie gesucht hätten. Eine Besucherin sagte einmal zu mir: „Ich bin großer Fan Ihrer Formate, weil ich immer wieder Neues erlebe und Dinge kennenlerne, auf die ich sonst wahrscheinlich nie gestoßen wäre.“ Solche Rückmeldungen sind für mich eine große Bestätigung. Sie zeigen, dass Kultur nicht nur unterhalten, sondern Horizonte erweitern kann.

Neben Ihrer Arbeit mit bekannten Künstlerinnen und Künstlern engagieren Sie sich seit vielen Jahren für Kulturprojekte mit jungen, vor allem benachteiligten Menschen. Warum?
Weil junge Menschen unglaublich viel zu erzählen haben. Projekte wie BEETHOVEN MOVES! oder CHEMNITZ MOVES geben ihnen die Möglichkeit, ihre eigenen Geschichten zu entwickeln, gemeinsam mit Künstlerinnen und Künstlern sowie Partnern wie dem Beethoven Orchester Bonn oder der Jungen Deutschen Philharmonie.
Nach einer Aufführung in Chemnitz kam ein Jugendlicher zu mir und sagte: „Ich war noch nie so glücklich wie heute.“ Das sind Momente, die ich nie vergessen werde. Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich daran denke.

Was bedeuten Ihnen solche Rückmeldungen?
Sie bestätigen, dass Kultur weit über den Aufführungsabend hinauswirkt. Jahre nach einem gemeinsamen Projekt begegneten mir ehemalige Teilnehmende und erzählten, die Zeit auf der Bühne sei eine der prägendsten Erfahrungen ihres Lebens gewesen. Genau darum geht es: Menschen zu stärken und ihnen Erfahrungen zu ermöglichen, die bleiben.

Sie arbeiten außerdem als systemischer Senior Coach und Lehrcoach. Wie passt das zu Ihrer Kulturarbeit?
Für mich gibt es da keinen Widerspruch. Im Coaching wie in der Kultur geht es darum, Potenziale zu erkennen, Menschen zu ermutigen und Entwicklungen zu begleiten. Beides lebt von Vertrauen, Neugier und dem ehrlichen Interesse am Gegenüber.

Wenn Sie heute auf Ihren Weg schauen - was ist Ihnen besonders wichtig?
Nicht die Anzahl der Projekte oder die Namen der Künstlerinnen und Künstler. Entscheidend ist für mich, ob Menschen sich begegnen konnten, ob neue Ideen entstanden sind und ob etwas in Bewegung gekommen ist. Wenn das gelingt, war die Arbeit erfolgreich.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Dass ich weiterhin Projekte entwickeln darf, die Menschen zusammenbringen - unabhängig von Alter, Herkunft oder Erfahrung. Kultur ist für mich kein Selbstzweck. Sie ist eine Einladung, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Und wann ist eine Veranstaltung für Sie wirklich gelungen?
Wenn Menschen einen Raum anders verlassen, als sie ihn betreten haben.

Und, sie waren alle da… Harald Schmidt, Michael Mittermeier, Ursus & Nadeschkin und, und, und ……

Prix Pantheon Gala

Jury Prix Pantheon 2007